Über die Insolvenz von BrewDog habe ich bereits berichtet. Jetzt habe ich mich gefragt, wie die Insolvenz im Heimatmarkt Großbritannien gesehen wird. Während der Recherche bin ich auf einen umfangreichen Artikel gestoßen, der die Betrachtungsweise dort sehr gut darstellt. Hier die wichtigsten Punkte:
BrewDog galt lange als Paradebeispiel für die Craft-Beer-Revolution: Vom Garagen-Start-up zum Milliardenunternehmen – eine Geschichte wie aus dem Bilderbuch. Doch genau dieser rasante Aufstieg scheint am Ende auch zum Problem geworden zu sein.
Die Gründer James Watt und Martin Dickie wollten in den 2000er-Jahren nichts weniger als die Bierwelt auf den Kopf stellen. Mit improvisierter Ausrüstung in einer Garage in Schottland gestartet, arbeiteten sie sich mit viel Energie, wenig Schlaf und einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein nach oben. Der Durchbruch gelang mit dem Punk IPA, die schnell Kultstatus erreichte.
BrewDog inszenierte sich dabei bewusst als Gegenentwurf zur „langweiligen“ Bierindustrie. Provokante Marketingaktionen, spektakuläre PR-Stunts und eine treue Fanbasis machten die Marke groß – und laut.
Wachstum um jeden Preis
Ein zentraler Erfolgsfaktor war das Finanzierungsmodell „Equity for Punks“. Fans konnten Anteile kaufen und wurden Teil der Bewegung. Über 200.000 Investoren steckten mehr als 100 Millionen Pfund in das Unternehmen. Doch spätestens mit dem Einstieg des US-Investors TSG im Jahr 2017 änderte sich die Dynamik. Die Gründer verkauften Anteile im Wert von rund 100 Millionen Pfund und machten BrewDog gleichzeitig fit für noch schnelleres Wachstum. Neue Bars, Hotels und sogar Spirituosenprojekte schossen aus dem Boden.
Das Problem: Dieses Wachstum war teuer – und offenbar nicht nachhaltig.
Analysten sehen in dem Deal mit TSG einen Wendepunkt. Die vereinbarten Renditeerwartungen setzten BrewDog massiv unter Druck. Um Investoren zufriedenzustellen, musste das Unternehmen Jahr für Jahr stark wachsen – ein Ziel, das sich langfristig als unrealistisch herausstellte.
Erste Risse im System
Ab etwa 2017 mehrten sich die Probleme. Intern wurde von einer schwierigen Unternehmenskultur berichtet, es gab Kritik an Führungsstil und Entscheidungen. Gleichzeitig begannen die wirtschaftlichen Kennzahlen zu schwächeln. Die Pandemie verschärfte die Lage zusätzlich. Trotz sinkender Gewinne expandierte BrewDog weiter – mit großen Standorten und neuen Projekten. Rückblickend ein riskanter Kurs. Der letzte Gewinn wurde 2019 erzielt. Danach ging es wirtschaftlich bergab.
Absturz mit Ansage
2024 zog sich James Watt als CEO zurück, kurz darauf auch Martin Dickie. Das einstige Gründerduo, das BrewDog groß gemacht hatte, war nicht mehr operativ an Bord.
Die Schuldenlast wuchs, Kredite mussten bedient werden, und immer mehr Bars wurden geschlossen. Schließlich kam es, wie es kommen musste: BrewDog rutschte in die Insolvenzverwaltung. Teile des Unternehmens – darunter die Brauerei in Ellon und einige Bars – wurden für rund 33 Millionen Pfund verkauft. Viele andere Standorte mussten schließen, hunderte Mitarbeiter verloren ihren Job.
Verlierer der Entwicklung
Besonders bitter ist die Situation für die sogenannten „Equity Punks“. Viele der Kleinanleger werden wohl keinen Cent ihrer Investitionen wiedersehen. Auch für die Belegschaft ist der Absturz hart: Entlassungen, Unsicherheit und das Ende eines Unternehmens, das lange als Vorzeigeprojekt galt.
James Watt selbst räumte inzwischen Fehler ein. Das Unternehmen sei „zu schnell gewachsen“ und habe sich „zu breit aufgestellt“. Gleichzeitig bleibt Kritik laut, dass die Gründer sich frühzeitig finanziell abgesichert haben.
Fazit: Lehrstück der Craft-Beer-Szene
In Großbritannien wird der Fall BrewDog vielfach als warnendes Beispiel gesehen: für übermäßigen Expansionsdrang, überhöhte Bewertungen und die Risiken von Investoren-getriebenem Wachstum. Was bleibt, ist eine Marke, die die Bierwelt nachhaltig geprägt hat – aber auch eine Geschichte, die zeigt, wie schnell ein Höhenflug enden kann. Oder anders gesagt: Viel Punk, viel Pathos – und am Ende eine Bruchlandung.



